Von Günther Sigmund aus “Pocket Stories to Go”
Die Träne
Schön, dass ich mich mal vorstellen darf. Gestatten: Träne! – DIE Träne. Mein Beruf? Na was schon: Tränen! Schon komisch, dass man mich weiblich gemacht hat, wo man doch eindeutig meine stolze Männlichkeit sehen kann: Glänzend runder Bauch, in dem man sich sogar spiegeln kann. Okay, das Zipfelchen ist am Kopf – aber dafür kann ich nichts, ist halt so. Da haben meine Eltern, die Drüsen, wohl nicht richtig aufgepasst. Muss wohl dennoch süß aussehen, denn am liebsten hätten mich die vom Duden – ihr wisst schon, diese Redaktionisten, die jedem Wort gleich ein Geschlecht anhängen müssen – na ja, die hätten mich wohl gerne in ein Röckchen gesteckt. Ha! Dass ich nicht lache. Was wissen die schon wie es einem als Träne ergeht. Andauernd das Gejammer! Tag ein, Tag aus. Das geht mir so auf den Sack, kann ich Euch sagen. Immer müssen wir für den ganzen sentimentalen Quatsch herhalten. Habt ihr Euch schon mal den Schmachtfetzen „Titanic“ angesehen? Oder: „Vom Winde Verweht“, für die Älteren unter Euch? Ohoho! Vorsicht, sag ich da nur. Was da an Tränenbächen vergeudet wird ist unvorstellbar. Dabei ist alles nur Kintopp. Viel Tränenwasser für nichts. Reinste Verschwendung, völlig unwirtschaftlich, geradezu inflationär. Würde auch mein Bankberater sagen. Der ist übrigens gerade Tränenreich – kleines Wortspiel. Ha-ha-ha! … Scherz beiseite. Na gut, wenn den Leuten die Tragödien gefallen solls mir Recht sein, ist schließlich mein Job. Aber um ehrlich zu sein, meins ist das nicht.
Schöner sind da die Freudentränen oder die Tränen der Rührung. Das ist doch etwas Wohltuendes. Man denke doch nur an die vielen Kreissäle! Was da bei den Geburten vergossen wird, sensationell! Da müssen ich und meine Kollegen Schwerstarbeit leisten. Den Job machen wir aber gerne. Das Gleiche gilt für die unzähligen Sportveranstaltungen. Schaut Euch nur an wie sich die Sieger freuen! Und deren Familie, deren Trainer, und die zigtausend begeisterten Zuschauer! Tolle Sache! Na ja, andererseits gibt es auch jede Menge Enttäuschung bei denen, die ihr Ziel nicht erreicht haben. Da spenden wir eben ein wenig Trost, der ist gratis – aber nicht umsonst.
Am liebsten arbeite ich aber für den feinsinnigen Witz, den Schalk, den deftige Scherz, den Schenkelklopfer! Da fühle ich mich wohl, da kann ich mich entfalten. Da drücke ich mich, da sprieße ich, da renne ich die Wange runter. Gerade so, wies mir gefällt. Am liebsten natürlich mit meinen Kumpels. Wenn’s mal länger geht, kommen dann meistens noch die Girls dazu! Die Perlen – die Schweißperlen. Das macht richtig Spaß, wenn alle Poren geöffnet sind. Dann ist Party! Ein wildes Durcheinander, kann ich Euch sagen. Ringelpiez mit Anfassen! Woh-ho-ho! Leider ist die Feier meist zu schnell vorbei und wir werden in einem Tuch weggedrückt. Egal, wenn den Leuten eine schöne Erinnerung bleibt, dann sind wir zufrieden, dann haben wir gute Arbeit geleistet, und wir kommen gerne wieder!
Damit hier kein Irrtum aufkommt: Bei Trauer verstehen wir keinen Spaß! Trauer ist was anderes – wenn sie echt ist. Das wickeln wir ganz professionell ab, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Das ist Ehrensache! Mitleid zählen wir zur nahen Verwandtschaft, die nehmen wir selbstverständlich ebenso ernst, keine Bange.
Aber noch eins, bevor ich’s vergesse: Manch ein Zeitgenosse verwendet meinen Namen gerne mal verächtlich als Schimpfwort, um seinen Ärger anderen gegenüber Ausdruck zu verleihen. Also, das geht nun gar nicht. Da muss ich in aller Deutlichkeit protestieren. Unerhört! Wer bin ich denn, dass man mich mit sogenannten Nieten und Versager vergleicht? Nein, nein, nein! Wir Tränen haben schließlich auch unseren Stolz. Soll uns doch jemand die ganze Arbeit einmal nach machen! Ständig müssen wir auf Abruf sitzen. Und wenn es dem Gefühlszentrum mal in den Sinn kommt müssen wir sofort loslegen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche! Man stelle sich das einmal vor! Wer macht das heute denn noch? Ohne Urlaubsanspruch, ohne Feiertagszuschlag, ohne Krankenversicherung. Undank ist wohl unser Lohn, denkt mal darüber nach. Da dürfen wir wohl mit etwas mehr Würde den Bach hinunterfließen.
Zum Schluss noch ein Selbstversuch: Schlagt Euch doch einfach mal mit dem Hammer auf die Finger, dann könnt Ihr mal sehen wie schnell wir im Auge stehen! Da kann kein Pizza-Schnelllieferdienst mithalten. Wetten?
So! Ich hoffe, nun Ihr habt mein Wesen etwas näher kennenlernen können und mein Name hat Euch dabei womöglich zu selbiger gerührt. Vielleicht drückt sich gerade der eine oder andere Namenskollege sich scherzhaft über Eure Wange. Das wäre schön. Denkt immer feste daran: Es gibt viel mehr Gelegenheiten zur Freude als zur Trauer. Also bis bald, wir sehen uns beim nächsten Mal. Hoffentlich im Gute!
Es grüßt herzlichst,
Träne – Die